Post von Wagner

Lieber heiliger Teenager,

Papst Leo hat Dich gestern heiliggesprochen, weil Du Wunder wirkst. Du bist vor 19 Jahren gestorben, Du warst 15.

In dem geöffneten Sarg siehst Du aus wie mit 15. Jeans, Sweatshirt. Aus Deinem Körper ist Dein Herz entnommen. Dein Herz wird in einem vergoldeten Pokal als Reliquie aufbewahrt.

Hier bekomme ich Gänsehaut, was geschieht hier?

Carlo war ein frommer Junge. Millionen kommen zu seinem Grab. Ein todkranker Junge berührte sein T-Shirt und er konnte wieder Tennis spielen. Die Mutter eines fast toten Mädchens reiste nach Assisi, betete an Carlos Grab – und das Mädchen wurde ganz gesund.

Ich bin Katholik, für mich verbringt nur Gott Wunder.

Die wichtigere Frage aber ist: brauchen wir Menschen Wunder? Der Papst setzt uns ein braves Kind gegen das Böse. „Influencer Gottes“ wird er im Vatikan genannt. Kann ein 15-Jähriger die Welt retten? Natürlich nicht. Aber Heilige brauchen wir.

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner

Lieber Dennis Schröder,

Wer Sie spielen sieht, wird ein Basketballfan, und wer Ihre Geschichte kennt, wird ein Dennis-Schröder-Fan. In Braunschweig geboren, Mutter stammt aus Gambia, hat einen Friseursalon, sein deutscher Vater starb früh. „Junge, bring es zu etwas“, sagte der sterbende Vater.

Dennis Schröder ist der Kapitän unserer Basketballnationalmannschaft. Deutschland wurde Weltmeister mit ihm. Sein Trikot hat immer die 17. Es ist die Lieblingszahl seines Vaters. Auf seinen Unterarm hat er den Namen seines Vaters tätowiert: Axel.

Und dann geschah dies in Finnland. Dennis Schröder, der es mit jedem Gegner aufnimmt, bekommt es plötzlich mit einem unfairen Gegner zu tun.

Affenlaute begleiten sein Spiel. Dennis Schröder ist schwarz. Er hat weitergespielt, gedribbelt, Körbe geworfen.

Es geschah in Finnland. Leider ist es so, dass es überall passieren kann. Ich bewundere Dennis Schröder.

Lieber Kanzler Merz,

Sie haben Wladimir Putin als „den vielleicht schwersten Kriegsverbrecher in unserer Zeit“ bezeichnet.

Warum vielleicht? Er ist es.

Wir sehen den Kriegsverbrecher in Peking mit den anderen Autokraten. Der Kriegsverbrecher lacht, schüttelt Hände, er trägt Anzug, Krawatte. Es ist unerträglich, wie normal er ist. Eher klein, erhöhte Schuhsohlen, Botoxbehandlungen im Gesicht. Das Böse an den Bösen ist, dass sie glauben, recht zu haben.

Sie töten, sie werfen Bomben ab. Hitler war so ein Böser und er streichelte Kinder und seinen Schäferhund.

Gestern sah ich wieder Putin im Fernsehen. Den schwersten Kriegsverbrecher, wie unser Kanzler sagt. Putin geht es gut, Frühstück, alles normal.

Ein Mörder lacht uns aus.

Lieber Markus Söder,

Ministerpräsident und Vater. Ihre Tochter erkannte Helmut Kohl nicht. „Ein SPD’ler“, stotterte sie. Es geschah in der Pro7-Show „Deutschlands dümmster Promi“. Da werden Promis vorgeführt, damit wir lachen, wie dumm sie sind. Papa Söder, schämen Sie sich nicht. Über den Sender muss man sich schämen.

Was ist dumm? Mangelnde Intelligenz, mangelnde Bildung, mangelndes Wissen – oder ist es ein plötzlicher Blackout?

Die Verfügbarkeit des Wissens ist nicht mehr da. Ich weiß auch nicht, wie das Weltall entstanden ist – oder wer gerade den Roman geschrieben oder das Fahrrad erfunden hat.

Markus Söder, Sie haben eine tolle Tochter, sie hat Abitur, hat ihren Master, schreibt ihre Doktorarbeit und ist ein hinreißendes Model.

Zurück zu dieser dummen, dummen Show. Der Alt-Fußballer Mario Basler wusste nicht, wie man Schiedsrichter schreibt. Beethoven hielt er für einen Maler. Wir lachen, lachen und erheben uns. Ach, wie sind die alle doof.

Es gibt Augenblicke, wo ich meinen Fernseher aus dem Fenster werfen möchte. Aber das wäre auch doof.

Lieber FC Augsburg

Als Euer Spieler Robin Fellhauer, 27, bewusstlos am Boden lag, war es kein Fußballspiel mehr.

Alles schmerzte – am meisten, wie sich die Bayern und ihr Spieler Sacha Boey verhielten.

Es war ein Luftkampf gewesen, Kopf gegen Kopf. Oder anders gesagt: Zwei Züge rasten aufeinander zu.

Atmete Robin noch? Wie tot lag er da. Was machte der Bayern-Spieler? Er trottete weg, schüttelte seinen Kopf. Keine Hilfeleistung, kein Bedauern, kein Blick. Auf der Bayernbank Wut über die gelbe Karte.

Was schmerzt mehr?

Da liegt einer am Boden, aber gewinnen ist wichtiger. Ist es Herzenskälte? Sind drei Punkte mehr wert als ein … Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Dieser Fußball schmerzt. Ich mag ihn nicht sehen.

Herzlichst, Ihr Franz Josef Wagner

Lieber Markus Lanz,

da sind Sie ja wieder – Gott sei Dank.

33 Tage ohne Sie waren Nächte wie ohne Mond und Sterne. Ich vermisste Ihr Zubeißen, Blutsaugen. Sie sind der Vampir der Nacht, dabei freundlich, kultiviert, ein Gentleman-Vampir.

Die Großen der Politik kommen zu Ihnen, ein Fernbleiben ist wie Feigheit. Robert Habeck kam zu Ihnen – und Sie ließen ihn reden und reden bis zur Selbstzerstörung.

Normalerweise machen Sie das nicht. Normalerweise stellen Sie Fragen, die aussehen wie ein überreifer Apfel. Dabei ist er aus Gips und Ihre Gäste beißen sich die Zähne aus.

Kurz gesagt, Sie sind der beste politische Talkmaster. Sie stellen unsere Fragen, Sie trauen sich, sie zu stellen.

Natürlich schütteln Sie das alles nicht aus den Ärmeln. Sie sind 56, sehen fit aus. In Ihren 33 Tagen Ferien flogen Sie Paraglider in Ihrer Heimat, den Dolomiten.

Es stört mich nicht, dass das ZDF Ihnen 1,9 Millionen Euro Gehalt zahlt. Ein Mann ist wert, was er wert ist.

Markus Lanz ist wieder auf Sendung. Unsere Nächte werden wieder aufregend.

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner

Liebe Eintracht Braunschweig,

wie geht es Euren Spielern nach dem Wahnsinnsspiel? Konnten sie am Morgen überhaupt aufstehen?

Ach, bleibt liegen und genießt Eure Schmerzen. Es sind glückliche Schmerzen. Hier die Kurzgeschichte Eurer schmerzenden Beine.

Da kommt der Pokalsieger VfB, Marktwert 307 Millionen, da seid ihr, fast abgestiegen in die 3. Liga. Ein Nick Woltemade ist dreimal so viel wert wie Euer Verein.

Es ist die Nachspielzeit, es steht 4:4. Die Braunschweiger liegen wie erschöpfte Opfer mit Krämpfen auf dem Rasen. Bleiben sie liegen?

Nein, sie stehen auf. Woher kommt ihr Wille zur Selbstüberwindung?

Wenn Sportreportern die Worte ausgehen, dann sagen sie Wahnsinn.

Was ist Wahnsinn? Es ist Adrenalin. Dieses Hormon, das Menschen zum Kampf oder zur Flucht verhilft.

Es war ein großartiges Fußballspiel und die Siege von Bayern sind Langeweile.

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner

Lieber Robert Habeck,

irgendwie mochte ich Sie. Sie waren der Joghurtbecher der Politik. Nach dem Besuch auf einem Schlachthof 2013 wurden Sie Vegetarier.

Ihre Frisur war modern. Ihre Augen schauten von unten herauf. Ihr Ur-Beruf war Schriftsteller. Schön schreiben, schön reden.

„Der Schrei der Hyänen“, „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“. Dann wurden Sie Vize-Kanzler. Sie waren der Sexiest Man. Sie waren anders als alle.

Dann wurden Sie abgewählt.

Nur elf Prozent für die Grünen. Jeder Mensch hat zwei Gesichter. Das zweite Gesicht des Robert Habeck erleben wir jetzt.

Der Joghurtbecher ist leer. Er schmeißt sein Bundestagsmandat weg und pöbelt, beleidigt, frustriert. Er beschimpft die Bundestagspräsidentin Klöckner und den fleischfressenden Söder.

Warum macht er das?

Warum schmeißt er seinen Joghurtbecher auf die Politik, warum rastet er aus? Im taz-Interview sagt er, er will nicht als Gespenst herumlaufen und sagen: „Ich war mal Vize-Kanzler, erinnert Ihr Euch noch an mich?“

Habeck ist 55 und er will sich jetzt im Ausland wiederfinden.

Männer. Wie toll ist es, oben zu sein, und wie schwer ist es, zu fallen.

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner

Liebe Ex-Kanzlerin Merkel,

vor zehn Jahren sagten Sie die legendären drei Worte: „Wir schaffen das“. Sie öffneten Grenzen für hunderttausende Flüchtlinge.

Was ist aus „Wir schaffen das“ geworden?

Messerstecher kamen in unser Land, die AfD liegt bei 25 Prozent, gleichauf mit der CDU.

Wenig haben wir geschafft. Die Kommunen stöhnen. Übervölkerte Unterkünfte. Junge Männer werden verrückt. Sie stechen mit Messern.

In Köln haben wir es erlebt in der Silvesternacht, wo Hunderte Frauen belästigt, fast vergewaltigt wurden. Alle Bürgermeister in Deutschland sagen: Wir schaffen das nicht.

Der Satz „Wir schaffen das“ ist eine Illusion.

Die Altkanzlerin bleibt bei ihrem Satz. Als er aus ihrem Mund kam, lief er schon in die falsche Richtung.

Sie hätte sagen sollen: Wie schaffen wir das?

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner

Liebe Bundesliga,

was für ein Wochenende gegen Langeweile und Einsamkeit. Es begann mit dem 6:0-Kracher der Bayern. Ich war wieder wie ein 13-Jähriger, der den Christbaum bestaunt. Und wie er abbrannte für Leipzig. Leipzig soll Dart spielen oder angeln gehen. Sie spielten wie Gartenzwerge.

Den ersten großen packenden Fußball lieferte St. Pauli gegen Dortmund. 3:1 lag St. Pauli in der 86. Minute noch zurück. Aber sie rannten allen Bällen hinterher, warfen sich in die Beine der Gegner. Kassierten Tritte, teilten welche aus und gaben sich nie geschlagen.

Was für ein toller, schöner Fußball. Mein Herz schlägt für die Kämpfer. Union Berlin besiegt Stuttgart. Der neue Trainer Sandro Wagner besiegt Freiburg. Es war ein Wochenende, an dem wir die Welt vergaßen. Wir litten und freuten uns, wir hatten Gefühle. Wir erlebten das Ungewisse, wir erlebten Glück und Tränen.

Herzlichst,

Ihr Franz Josef Wagner